Montag, 11. September 2006

Fünf Jahre danach

Der 11. September 2001. Ein sonniger Tag auf Korfu. Der erste, 14-tägige Urlaub mit meinem damaligen Freund (heute Ehemann). Frühstücken und das Meer sehen, spazieren gehen und Oliven pflücken. Ruhe. Schon lange nicht mehr so entspannt. Schließlich waren die Wochen vorher noch stressig. Der Aufbau hatte sich auf meine Bewerbung gemeldet, am 2. Januar 2002 würde es los gehen - New York ich komme. Wohnung organisieren, Visum beschaffen, Freigabe vom Arbeitgeber klären.

Dann dieser sonnige Tag auf Korfu. Meine jüngste Nichte feiert an diesem Tag ihren ersten Geburtstag. Dann die SMS eines Freundes. Flugzeuge in WTC gerast. Türme brennen.

Wir lesen mehrfach, verstehen nicht, was das bedeuten soll. Ich versuche Zuhause jemanden zu erreichen. Feiern die gerade den ersten Geburtstag? Keiner da. Dann endlich, mein Vater ist dran. Und kann eigentlich gar nichts sagen. Nur ein Satz: "Das sieht aus wie im Krieg." Mir ist schlecht. Ich will wissen, was los ist. Ab in die nächste Taverne mit Fernsehen.

Die meisten haben es noch gar nicht verstanden. Bestellen ihren Wein, "warum is en der Fernseh an? Warum zeigen die denn so nen Film?" "Das ist kein Film, das ist eben passiert!" Ruhe, absolute Ruhe. Totale Anspannung.

Ich bin froh, nicht daheim zu sein. Die Anrufe kommen noch früh genug. "Willst du jetzt wirklich noch dahin?" "Bist du verrückt, so eine Gefahr". Ich bin in Korfu Tage drauf in ein Flugzeug gestiegen, um nach Deutschland zu fliegen. Und ich bin am 2. Januar 2002 in ein Flugzeug nach New York gestiegen. Und von den späteren Kollegen aus New York bekam ich die -typisch New Yorker - Antwort, auf die Frage, wie es so sei: "Alles in Ordnung. Downtown ist weit von hier." Ich habe die Türme des WTC von der Upper West Side aus nie sehen können, die Stadt nur ohne WTC kennengelernt. Mein Fixpunkt in der Stadt war und ist das Empire State Building.

Dreieinhalb Monate habe ich die Stadt von einer Seite kennengelernt, die es heute nicht mehr gibt. Sie war leerer, weniger Touristen als sonst, die kamen erst ab Ostern wieder. Dafür kamen die Menschen auf mich zu, wenn sie meinen suchenden Blick sahen, fragten, ob sie mir helfen könnten.

Ich habe Menschen kennengelernt, die ihren Arbeitsplatz im WTC hatten. Die froh waren, zu leben, aber deren Existenz von einem Moment auf den anderen weg war. Ich habe ein Mädchen kennengelernt, das in dieser Zeit ein Praktikum in einem Krankenhaus Downtown gemacht hat. Und die das Bild einer Frau voller Trümmer nicht mehr aus dem Kopf bekam. Und ich habe Menschen getroffen, die bei jedem vorbeifliegenden Flugzeug einen kurzen Moment von Panik im Gesicht hatten.

Und wenn ich heute die Bilder der brennenden Türme sehe, friere ich immer noch. Wie beim ersten Anblick in Korfu.

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